Ich sitze still mit diesem Gedanken, nicht als Anklage, sondern als Erkenntnis.
Wir urteilen, weil es bequem ist.
Nicht weil wir grausam sind. Nicht weil uns Empathie fehlt. Sondern weil Urteilen einer Welt Form gibt, die sich sonst zu weit, zu unfertig, zu fordernd anfühlen würde.
Ein Urteil schließt eine Tür. Es beendet eine Frage. Es schafft einen Ort, an dem man stehen kann.
Ohne Urteil bleibt alles offen – und Offenheit kostet Energie.
Urteilen ist effizient. Es sortiert, kategorisiert, schützt. Es erlaubt uns, uns durch Komplexität zu bewegen, ohne sie zu tief zu berühren. Es erspart uns das Verweilen, das längere Zuhören als geplant, das Fühlen dessen, was uns möglicherweise verunsichern könnte.
Manchmal ist Urteilen keine Überheblichkeit. Manchmal ist es Erschöpfung.
Wir sagen: Das ist falsch, und plötzlich endet das Gespräch. Wir sagen: Das ist, wer sie sind, und die Geschichte wird handhabbar.
Urteilen schafft Distanz – sauber, still, kontrolliert.
Es ist auch, wie wir einander erkennen. Geteilte Urteile bilden Allianzen schneller als geteiltes Verständnis. Übereinstimmung darüber, was abzulehnen ist, geht oft jeder echten Verbindung voraus.
Wer wir sind, wird häufig durch das definiert, was wir nicht sind.
Und selbst die Weigerung zu urteilen wird zu einem Urteil für sich.
Dies ist kein Aufruf, mit dem Urteilen aufzuhören. Das wäre unrealistisch.
Es ist eine Einladung, zu bemerken, wann Urteilen zu einem Ruheplatz wird – einem Ort, an dem die Neugier endet, an dem Bewegung aufhört, an dem Komplexität abgelegt wird, weil sie sich schwer anfühlt.
Vielleicht ist die Frage nicht, ob wir urteilen, sondern wie schnell wir darin Trost suchen.
Und was wir entdecken könnten, wenn wir nur einen Moment länger ohne Schlussfolgerung verweilen.
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