Wir sind fähig zu fast allem

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Eine leise Betrachtung ĂĽber WidersprĂĽche, RĂĽckzug und die Sehnsucht nach einem einfachen Leben

„Wir Menschen sind ziemlich verrückt.“

Der Satz fiel beiläufig.
Vielleicht aus MĂĽdigkeit.
Vielleicht aus Staunen.
Vielleicht als Versuch, etwas zu greifen, das sich nicht greifen lässt.

Denn wer lange unterwegs ist, wer verschiedene Länder sieht, verschiedene Gesichter, verschiedene Wahrheiten – beginnt zu erkennen:

Der Mensch ist kein Widerspruch.
Der Mensch ist der Widerspruch.

Wir erschaffen Gedichte, Musik, MitgefĂĽhl.
Und mit denselben Händen errichten wir Mauern, Systeme der Kontrolle, Gewalt und Angst.

Das Verrückte ist nicht nur, dass wir zu beidem fähig sind.
Das Verrückte ist, wie selbstverständlich wir uns jeweils im Recht fühlen – abhängig von Ort, Geschichte, Hunger, Macht oder Angst.

Vielleicht ist der ehrlichste Satz ĂĽber uns:

Wir sind fähig zu fast allem – und selten gut darin, unsere inneren Stürme auszuhalten.

Die vielen Gesichter einer Wahrheit

Wer reist oder sich auf unterschiedliche Kulturen einlässt, merkt schnell:

Es gibt nicht den einen „Menschen“.
Es gibt Geschichten.

In einem Land ist Religion leise und voller Gebete.
In einem anderen laut und voller Regeln.
In einem dritten vermischt mit Politik, Ăśberleben oder Macht.

Was fĂĽr den einen normal ist, wirkt fĂĽr den anderen unvorstellbar.
Und doch hält sich jeder selbst für vernünftig.

Vielleicht ist genau das unser größtes Paradox:
Wir sehen die VerrĂĽcktheit immer zuerst im AuĂźen.
Selten in unseren eigenen Herzen.

Die MĂĽdigkeit am Zuviel

Und während die Welt lauter wird, geschieht etwas anderes – leiser, kaum sichtbar.

Immer mehr Menschen steigen aus.
Nicht aus dem Leben.
Sondern aus dem „Zuviel“.

Aus permanenten Anforderungen.
Aus Rollen, die nicht mehr passen.
Aus Erwartungen, die mehr wiegen, als sie Sinn geben.

Sie reduzieren Besitz.
Sie reduzieren Tempo.
Sie reduzieren Lärm.

Nicht weil sie aufgegeben haben.
Sondern weil sie beginnen zu verstehen, dass Freiheit manchmal im Weniger liegt.

Vielleicht ist diese Sehnsucht nach einem einfachen Leben kein Trend.
Vielleicht ist sie eine Antwort auf unsere innere Ăśberforderung.

Denn wenn wir unsere inneren Stürme nicht aushalten können,
erschaffen wir äußere Systeme, die uns strukturieren sollen.

Karrieren. Status. Regeln. Identitäten.

Doch irgendwann erkennen manche:
Das System beruhigt nicht.
Es betäubt nur.

Die leise Bewegung

Diese Menschen sind nicht sofort sichtbar.

Sie posten selten laut ĂĽber ihren RĂĽckzug.
Sie erklären sich nicht ständig.
Sie tragen keine Banner.

Sie verändern ihr Leben – Schritt für Schritt.
Manchmal unauffällig.
Manchmal mit Angst.
Oft ohne Applaus.

Sie tauschen Geld gegen Zeit.
Sicherheit gegen Authentizität.
Prestige gegen Ruhe.

Und vielleicht ist das eine der leisesten Revolutionen unserer Zeit.

Verrückt – und gleichzeitig wunderschön

Denn während wir uns gegenseitig verletzen,
entstehen kleine Gesten von Menschlichkeit:

Ein Lächeln in einem fremden Land.
Eine Hand, die hilft, obwohl sie selbst wenig hat.
Ein Gespräch zwischen Menschen, die nichts verbindet – außer Menschsein.

Vielleicht sind wir nicht nur verrĂĽckt.
Vielleicht sind wir unfertig.

Unfertig im Umgang mit Angst.
Unfertig im Umgang mit Macht.
Unfertig darin, unsere eigene Verletzlichkeit auszuhalten.

Doch genau darin liegt auch unsere Fähigkeit zur Veränderung.

Vielleicht ist das einfache Leben kein Ziel – sondern ein Versuch

Ein Versuch, wieder näher bei sich selbst anzukommen.
Weniger Rollen zu spielen.
Weniger zu funktionieren.
Mehr zu fĂĽhlen.

Ein Versuch, die inneren StĂĽrme nicht immer zu unterdrĂĽcken,
sondern ihnen zuzuhören.

Denn wer sich selbst nicht versteht,
wird immer versuchen, die Welt zu kontrollieren.

Und wer beginnt, sich selbst zu akzeptieren,
braucht oft weniger von allem.

Am Ende bleibt vielleicht diese Erkenntnis

Wir sind widersprĂĽchlich.
Wir sind verletzlich.
Wir sind manchmal brutal – und gleichzeitig fähig zu tiefer Liebe.

Wir sind fähig zu fast allem.

Und vielleicht beginnt ein einfacheres Leben genau dort,
wo wir aufhören, perfekt oder logisch sein zu wollen –
und anfangen, ehrlich mit unseren inneren StĂĽrmen zu sein.

Nicht spektakulär.
Nicht laut.
Sondern menschlich.

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