Sich selbst wählen in unklaren Situationen

Artistic image illustrating: Auto Draft

Manchmal ist gar nichts eindeutig falsch.

Und genau das kann es noch schwieriger machen.

Es gibt keinen offensichtlichen Grund zu gehen.

Keinen groĂźen Streit.

Keinen endgĂĽltigen Verrat.

Keinen Moment, der die Entscheidung plötzlich leicht machen würde.

Da ist einfach dieses GefĂĽhl, dass etwas nicht mehr stimmt.

Und weil es keine klare Erklärung gibt, beginnen wir irgendwann, sogar an unserem eigenen Gefühl zu zweifeln.

Vielleicht bilde ich mir das nur ein.

Vielleicht erwarte ich zu viel.

Vielleicht sollte ich geduldiger sein.

Vielleicht wird sich etwas verändern.

Also bleiben wir in dieser Ungewissheit.

Wir warten darauf, dass etwas klar genug wird, damit wir uns selbst die Erlaubnis geben können, eine Entscheidung zu treffen.

Aber vielleicht kommt Klarheit nicht immer vor der Entscheidung.

Manchmal entsteht sie erst durch die Entscheidung.

Es gibt Situationen im Leben, in denen wir niemals alle Antworten bekommen werden, die wir gerne hätten.

Wir wissen vielleicht nicht, was ein anderer Mensch wirklich denkt.

Wir wissen nicht, ob sich eine Situation verändern wird.

Wir wissen nicht, was passiert, wenn wir gehen.

Vielleicht wissen wir nicht einmal, ob Bleiben oder Gehen mehr wehtun wird.

Und trotzdem müssen wir irgendwann wählen.

Nicht unbedingt zwischen richtig und falsch.

Manchmal zwischen dem, was vertraut ist, und dem, was sich ehrlich anfĂĽhlt.

Sich selbst zu wählen bedeutet dabei nicht, sich gegen alle anderen zu entscheiden.

Es bedeutet nicht, egoistisch zu werden.

Es bedeutet nicht, dass die eigenen BedĂĽrfnisse automatisch wichtiger sind als die eines anderen Menschen.

Es kann einfach bedeuten, anzuerkennen, dass das eigene Unwohlsein eine Information ist.

Dass die eigene Erschöpfung zählt.

Dass die eigene Unsicherheit zählt.

Dass dieses leise Gefühl, etwas habe sich verändert, gehört werden darf.

Wir warten oft auf eine Krise, bevor wir unsere eigenen GefĂĽhle ernst nehmen.

Als wäre Unglücklichsein allein kein ausreichender Grund.

Als mĂĽssten wir Beweise haben.

Eine Erklärung.

Einen Grund, den auch alle anderen verstehen können.

Aber das Leben liefert nicht immer ordentliche Erklärungen.

Manchmal geht man, weil man sich selbst nicht mehr wiedererkennt.

Manchmal schafft man Abstand, weil Nähe zu schmerzhaft geworden ist.

Manchmal sagt man Nein, ohne jedes Detail erklären zu können.

Und manchmal ist der ehrlichste Satz, den man hat, einfach:

„Ich weiß nicht genau warum, aber das fühlt sich für mich nicht mehr richtig an.“

Vielleicht reicht das.

Nicht jeder wird es verstehen.

Manche werden sogar anderer Meinung sein.

Aber sich selbst zu wählen bedeutet nicht, die Zustimmung aller zu bekommen.

Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen sich selbst zu vertrauen und zu glauben, dass jedes GefĂĽhl automatisch richtig ist.

Wir können Angst haben.

Wir können uns irren.

Wir können Dinge falsch verstehen.

Sich selbst zu wählen bedeutet nicht, jedem Impuls sofort zu folgen.

Es bedeutet, bereit zu sein, sich selbst aufmerksam zuzuhören.

Innezuhalten.

Fragen zu stellen.

Zu beobachten, was sich immer wiederholt.

Was passiert mit deiner Energie in der Nähe bestimmter Menschen?

Wer bist du, wenn du dort bist?

Wirst du kleiner?

Leiser?

Ängstlicher?

Oder kannst du einfach du selbst sein – unperfekt, gewöhnlich und ohne ständig aufpassen zu müssen?

Manchmal sind die Antworten nicht dramatisch.

Fast unsichtbar.

Eine zunehmende MĂĽdigkeit.

Das ständige Bedürfnis, sich zu erklären.

Das GefĂĽhl, auf Zehenspitzen durch einen Raum zu gehen.

Die Erleichterung, wenn ein Treffen abgesagt wird.

Diese seltsame Ruhe, die entsteht, wenn man sich vorstellt, woanders zu sein.

Vielleicht verdienen auch diese kleinen Dinge Aufmerksamkeit.

Wir brauchen nicht immer eine Katastrophe, um eine Veränderung zu rechtfertigen.

Manchmal ist Unwohlsein einfach der Anfang von Erkenntnis.

Und sich selbst zu wählen bedeutet vielleicht gar nicht, eine einzige große Entscheidung zu treffen.

Vielleicht ist es etwas viel Kleineres.

Eine Grenze.

Ein Gespräch.

Etwas mehr Abstand.

Ein ehrliches Nein.

Die Entscheidung, nicht länger etwas erklären zu müssen, das man tief im Inneren längst weiß.

Man darf sich langsam selbst wählen.

Man darf seine Meinung ändern.

Man darf einen Schritt zurückgehen, ohne zu wissen, wohin der nächste führt.

Unsicherheit bedeutet nicht automatisch, dass man die falsche Entscheidung trifft.

Manchmal bedeutet sie nur, dass man eine Entscheidung ohne Landkarte trifft.

Vielleicht macht genau das so viel Angst.

Es gibt keine Garantie.

Keinen perfekten Zeitpunkt.

Keine Gewissheit, dass danach alles leichter wird.

Nur dieses leise Wissen, dass es nicht mehr möglich ist, genauso weiterzumachen wie bisher.

Vielleicht bedeutet sich selbst zu wählen nicht, vollkommen sicher zu sein.

Vielleicht bedeutet es, sich selbst nicht zu verlassen, nur weil die Umstände unklar sind.

Denn manchmal ist der Mensch, an dessen Seite wir am dringendsten stehen mĂĽssen, genau der, der die ganze Zeit still in uns gewartet hat.

Du musst nicht genau wissen, wohin du gehst, um zu wissen, dass du nicht fĂĽr immer dort bleiben kannst, wo du gerade stehst.

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